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Ausgabe Februar/März 2026
ForuM-Bulletin #11 |
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Inhaltswarnung: In diesem Newsletter geht es um die Aufarbeitung sexualisierter Gewalthandlungen. Einige Schilderungen können belastend wirken. Informationen zu Hilfsangeboten finden Sie hier.
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Ein Baum mit Wurzeln, stabilen Ästen und ersten Früchten: Das Beteiligungsforum justiert bei seinem Treffen 2026 in Mannheim seine Ziele und Arbeitsprozesse. Foto: Frank Hofmann |
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Erstes Treffen des Beteiligungsforums 2026Grünes Licht für den Anhaltskatalog
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Das Beteiligungsforum der EKD und der Diakonie (BeFo) hat auf seiner ersten Sitzung in diesem Jahr den Entwurf des Anhaltskatalogs grundsätzlich beschlossen, den eine Arbeitsgruppe aus von sexualierter Gewalt Betroffenen und kirchlich Beauftragten in den vergangenen Monaten erarbeitet hat. Der Anhaltskatalog ergänzt die Anfang 2026 in Kraft getretene Anerkennungsrichtlinie. Er ist als Orientierungshilfe für die zehn Anerkennungskommissionen gedacht und soll mit objektiven Kriterien zu einer besseren Vergleichbarkeit beitragen.
Anhand von derzeit zwölf hypothetischen Fällen wird basierend auf Entscheidungen von Zivilgerichten eine mögliche Spanne für Anerkennungsleistungen in ähnlich gelagerten Fällen vorgeschlagen. Die Spanne berücksichtigt unter anderem das Alter der betroffenen Person zum Tatzeitpunkt, die Schwere der sexualisierten Gewalt, die Folgen der Tat und das Verhalten der Einrichtung. Die angegebene Spanne ist dabei nicht als Vorgabe für die Spruchpraxis der Kommissionen gedacht, sondern dient nur als Entscheidungshilfe für den zu beurteilenden Tatkomplex. Insbesondere führt der Anhaltskatalog keine Obergrenze für die individuellen Leistungen ein. Bei strafrechtlich relevanten Fällen wird zusätzlich eine Pauschalleistung von 15.000 Euro gewährt. Zukünftig soll die Orientierungshilfe entsprechend der aktuellen Rechtsprechung und den Erfahrungen der Anerkennungskommissionen laufend weiterentwickelt werden.
»Wir haben einen großen Schritt getan«, sagte BeFo-Mitglied Matthias Schwarz nach der Abstimmung über den Entwurf, der ohne Gegenstimmen angenommen wurde. Nach letzten Änderungen und einem finalen Beschluss im Umlauf des Beteiligungsforums geht der Vorschlag nun mit der Empfehlung, ihn nach einem positiven Beschluss auch öffentlich zugänglich zu machen, in die Kirchenkonferenz und den Ausschuss Diakonie. Auch ohne den Anhaltskatalog sind die Kommissionen bereits beschlussfähig.
Zu Beginn des Treffens, an dem erstmals auch die Betroffenen Klaus Kutzer und Rüdiger Tuschewski teilnahmen (siehe unten), legte Nancy Janz in einer sehr persönlichen Rede ihre Gründe für den Rückzug aus dem BeFo und dem Sprecherinnenamt dar. Sie betonte, dass sie das Gremium als solches an keiner Stelle in Frage gestellt habe. Sie wünsche dem BeFo »den Mut, weiterzugehen, Fehler zu machen, zuzuhören und transparent zu kommunizieren«. Co-Sprecherin Dorothee Wüst dankte Janz für ihr vierjähriges Engagement, »ohne das das BeFo nicht da stehen würde, wo es heute ist«. Ihre Arbeit sei »wohltuend, sachlich und zielführend gewesen«.
Das Sprecher*innenamt wird auf der Seite der Betroffenen interimsmäßig von der ganzen Gruppe wahrgenommen. Kontaktaufnahme wird währenddessen über betroffenenvertretun@befo.ekd.de möglich sein. Auf dem zweitägigen Treffen in Mannheim wurden auch Neubesetzungen der Arbeitsgruppen beschlossen und damit begonnen, die Ziele und Prozesse der weiteren Arbeit zu justieren. Die nächste Sitzung des BeFo wird im Mai stattfinden.
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| Die beiden Neuen im BeFo: Rüdiger Tuschewski und Klaus Kutzer verstärken seit Januar die Betroffenenvertretung. Fotos: Hofmann |
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2. Workshop zum GaststatusBeteiligung betroffener Menschen soll verstärkt werden
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Am 21. März findet in Fulda der zweite Workshop zum Gaststatus in den Arbeitsgruppen (AG) des BeFo statt. Ziel ist es, mehr unterschiedliche Erfahrungen betroffener Menschen in der Arbeit des Gremiums einfließen zu lassen. Gäste können in den AGs zu den Themen Gewaltschutzrichtlinie, Aufarbeitung und Diakonie mitarbeiten. Sie sind keine regulären Mitglieder des BeFo und nehmen auch nicht an dessen Sitzungen teil. Sie sind jedoch laufend in die Arbeit eingebunden und stehen im Austausch mit den Mitgliedern des Beteiligungsforums. Einmal im Monat berichten die Betroffenen in einem Jour fixe über den aktuellen Stand ihrer Arbeit. Nach dem ersten Workshop zum Gaststatus im Oktober 2024 haben ab Januar 2025 fünf Personen in unterschiedlichen Themen-AGs teilgenommen und ihre Expertise einfließen lassen. Zum 1. Januar 2026 sind zwei Gäste, Klaus Kutzer und Rüdiger Tuschewski, als reguläre Mitglieder ins Beteiligungsforum gewechselt. Ein dritter für das BeFo nominierter Gast, Johannes Rudolph, starb Anfang des Jahres (ein Nachruf von BeFo-Sprecherin Nancy Janz finden Sie unter diesem Beitrag). Klaus Kutzer beschreibt seine Motivation zur Mitarbeit: »Im Beteiligungsforum Sexualisierte Gewalt engagiere ich mich, weil die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der Evangelischen Kirche seit 2011 zwar öffentlich zugesagt wurde, Betroffene jedoch über viele Jahre hinweg immer wieder vertröstet worden sind. In einem christlichen Kontext ist dies aus meiner Sicht eine Form von moralischer Insolvenzverschleppung.« Rüdiger Tuschewski sagt: »Im Beteiligungsforum möchte ich meine persönliche Perspektive und meine beruflichen Erfahrungen einbringen, zuhören, mitdenken, mit entwickeln, mich für die Interessen Betroffener konstruktiv einsetzen und dazu beitragen, dass Betroffene Gehör finden. Durch meine aktive Beteiligung erhoffe ich mir mehr Gerechtigkeit und angemessene Anerkennungsleistungen für das entstandene Leid Betroffener. Ich möchte mit dazu beitragen, dass sich solche schrecklichen Ereignisse zukünftig möglichst nicht mehr wiederholen.«
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Diakon Johannes Rudolph starb Anfang Januar im Alter von 71 Jahren. Foto: Martini-Kirchengemeinde Bielefeld
Trauer um Johannes Rudolph
Ein Nachruf von Nancy Janz
Johannes Rudolph war für das Beteiligungsforum Sexualisierte Gewalt in der EKD und der Diakonie weit mehr als ein engagierter Mitwirkender. Er war ein Mensch, der mit großer Sensibilität, Klarheit und innerer Ruhe Räume geöffnet hat – für ehrliche Fragen, für neue Perspektiven und für gemeinsames Weiterdenken. Schon als Gast brachte er sich aufmerksam, reflektiert und verantwortungsvoll ein. Seine Beiträge waren geprägt von dem tiefen Wunsch, Kirche trotz – oder gerade wegen – eigener Erfahrungen zu einem sichereren und sensibleren Ort zu machen.
Er scheute sich nicht, unbequeme Fragen zu stellen, immer getragen von einer lösungsorientierten Haltung und der ernsthaften Suche nach Wegen in die Zukunft. In der AG Aufarbeitung setzte er sich konsequent für Gerechtigkeit, Aufklärung und strukturelle Verantwortung ein. Dabei blieb er stets zugewandt, freundlich, offen und ehrlich. Johannes war wissbegierig, zuverlässig und sehr präsent – ein Mensch, der durch Besonnenheit und Umsicht ein Team zusammenhalten konnte.
Dass er sich eine Mitarbeit als vollwertiges Mitglied im BeFo vorstellen konnte und im Dezember 2024 dazu berufen wurde, war eine große Freude. Sein Tod ist ein schmerzlicher Verlust für die Betroffenenvertretung. Seine mitfühlende Art, sein klarer Blick auf innerkirchliche Strukturen sowie auf sexualisierte Gewalt und spirituellen Missbrauch werden fehlen. Johannes bleibt uns in dankbarer Erinnerung als ein herzlicher, mutiger und verantwortungsvoller Mensch.
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| Annette Buschmann ist Diplom-Sozialarbeiterin und arbeitet in Chemnitz als Supervisorin. Foto: privat |
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Interview mit Annette Buschmann»Gemeinschaft statt Ausgrenzung erleben«
Wie gestaltet man betroffenensensible Gottesdienste? Fragen an Annette Buschmann, Supervisorin, Mitglied der ökumenischen Inititative GottesSuche, Autorin und seit Jahren engagiert in der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in Kirchen.
ForuM-Bulletin: Welche Elemente und Handlungen in Gottesdiensten sind für betroffene Menschen problematisch?
Buschmann: Für Menschen, die sexuellen Missbrauch im kirchlichen Kontext oder in christlichen Familien erlebt haben, sind häufig schon kirchliche Räume belastet. Der typische Geruch des Gemeinderaums, seine Einrichtung, der Blick auf die Gesangbücher kann bereits triggern. Umso mehr ist vorbelastet, was an Verkündigung in diesen Räumen geschieht. Es ist wichtig zu verstehen, dass ein Ort kontaminiert wurde, der für Gemeinschaft, Sicherheit und Begegnung stehen sollte. Deshalb braucht es ja so dringend ehrliche Aufarbeitungsmöglichkeiten und Angebote zu Begleitung innerhalb der Gemeinden. Auch ein Wechsel der Konfession, wie ich mich selbst entschieden habe, löst das nur teilweise auf.
Wie viel hat das mit der maskulin geprägten Sakralsprache zu tun, wie viel mit Triggerworten wie »Vater«, »Vergebung« oder »Liebe« und wie viel mit ganz anderen Faktoren?
Hier bin ich vorsichtig. Für die eine betroffene Person mag es unerträglich sein, Gott als Vater zu hören. Für eine andere Person ist gerade das Trost, dass wenigstens Gott Vater genannt werden darf, wenn der eigene Vater oder eine andere väterliche Person schon so entsetzlich an ihr schuldig geworden ist. Wenn ich tief in mich hinein spüre, habe ich beide Seiten in mir, so widersprüchlich das auch ist. Aber sicher ist es schwierig, wenn nur einzelne Bilder und Worte angeboten werden, wenn Gott nur Vater ist und nicht auch Mutter, oder etwas ganz anderes, Heilsameres als Elternbilder. Elternbilder bleiben ja in der Tiefe unseres Empfindens immer auch ambivalent, niemand hatte ausschließlich eine schöne Kindheit. Deshalb kann es hilfreich sein, die Einladung zu bekommen, Gott auch ganz anders zu nennen und mit diesen veränderten Bildern in Beziehung zu gehen. Gerade Vergebung wurde und wird oft missbraucht, um Aufdeckung und Aufarbeitung zu verhindern. Die Opfer mögen vergeben, damit endlich wieder Ruhe einkehrt. Das kann nicht gemeint sein. Ich bin immer wieder sprachlos, wie gerade mit Vergebung versucht wird, Opfer zum Schweigen zu bringen. Ein großes Thema sind Schuldbekenntnis und das Vaterunser. Vielleicht ist es ein Gedanke, dieses wesentliche Gebet der Christenheit einmal mit einer Triggerwarnung einzuleiten. Dann würde möglicherweise für alle Zuhörenden etwas deutlich vom Ausmaß der Zerstörung und Infragestellung der Gottesbeziehung, die sexueller und auch geistlicher Missbrauch anrichten.
Wie und nach welchen Kriterien können Gottesdienstgestaltende ihre Haltung überprüfen?
Am Anfang steht das Begreifen, was tatsächlich geschehen ist. Missbrauch im Kontext von Kirche ist ein massiver Angriff auf das Gottesbild, die Gottesbeziehung eines Menschen. Ich fürchte, das ist nach wie vor wenig im Bewusstsein. Eigentlich müssten wir alle zutiefst erschrecken über das, was da geschehen ist und geschieht. Und dieses Begreifen und Erschrecken über das Geschehene sollte den Umgang mit denen bestimmen, die in unserer Kirche »unter die Räuber« gefallen sind. Gottesdienstgestaltende müssen sich bewusst darüber sein, dass Menschen in der Verkündigung angesprochen werden, die hier existenziell verwundet wurden und trotzdem Halt im christlichen Glauben suchen. Sie brauchen den Mut, sich zu positionieren in ihrer Verkündigung. Es geht nicht um ein nettes religiöses Erlebnis, es geht um die Verkündigung des Jesus von Nazareth, der selbst ein Gewaltopfer war. Es geht auch um Heil werden und Hoffnung, trotz allem. Wenn diejenigen, die den Gottesdienst gestalten, etwas frei werden von dem Druck, Antworten geben zu müssen und stattdessen auch Fragen formulieren und offen lassen können, wenn sie deutlich machen, dass nicht sie die Antworten wissen, sondern der Weg dahin gemeinsam gegangen werden muss, dann ist eher Raum, sich mit unterschiedlichen und auch verstörenden Vorerfahrungen einzubringen und zugehörig zu fühlen. Ein Zugang könnte auch sein, die eigenen biografischen Infragestellungen des Glaubens zu erinnern. Wo haben Menschen meinen Glauben, mein Gottesbild beschädigt? Und nicht zuletzt braucht diese Haltung hin zur Anerkennung des Geschehenen und der Bereitschaft, sich zu den Opfern zu positionieren die Gewissheit, dass das sowohl von den Leitenden in der Kirche als auch von den Menschen in den Gemeinden gewünscht ist und unterstützt wird.
Sie gehen den Weg, »Unsagbares« durch Poesie auszudrücken. Müsste die Gottesdienstsprache vielleicht auch noch kreativer, literarischer werden?
Die Bibel hat eine Fülle von poetischen Bildern und Geschichten. Unsere Lieder sind voller Poesie. Wir haben einen großen Schatz geistlicher Musik in Räumen, in denen Menschen seit Jahrhunderten Gott suchen. Ein gemeinsamer Weg, diese Schätze zu heben, sie zu befreien von Ideologien, die nicht heilsam, sondern zerstörerisch, nicht integrierend, sondern spaltend waren und sind, ist die Herausforderung. Wie muss sich Sprache verändern, dass sie gerechter und sensibler wird? Wie erzählen wir unseren Kindern und Enkeln von Gott angesichts der Herausforderungen, die auf sie zukommen werden? Was sind die Hoffnungs- und Mutmachgeschichten in unserer aktuellen Situation? Und vor allem, wie drücken wir Glauben heute aus und welche Möglichkeiten für Austausch gibt es? Ich erlebe immer wieder auch staunend, wie Menschen sich eigenen poetischen Bildern öffnen und einen Ausdruck finden für Unsagbares. Wie sie in Resonanz gehen mit den alten Texten und Geschichten, mit dem Regenbogen nach der zerstörenden Flut und dem Kind in der Krippe, mit einem Choral von Bach und der Erfahrung eines gemeinsamen Kanons. Umso wichtiger ist die Frage, welche Veränderungen notwendig sind, damit Menschen Gemeinschaft erleben statt Ausgrenzung, Zugehörigkeit statt Stigmatisierung. Und dieser Weg wird glaubwürdig nur mit denen gemeinsam gelingen, die von Ausgrenzung, Stigmatisierung, Missbrauch und Gewalt und den Auswirkungen bis heute betroffen sind.
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Zitat des Monats
»Mir hängt der liebe Gott zum Hals heraus. Ich will einen gerechten, kämpfenden Gott.«
Matthias Schwarz, Mitglied der Betroffenengruppe im Beteiligungsforum der EKD und Diakonie |
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| Eine Pfadfinderschaft – hier ein Symbolbild – lebt von der Gemeinschaft. Das kann missbraucht werden. Das Bild: epd/Lothar Stein |
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Studien zu PfadfindernUnklare Nähe-Beziehungen als Risiko
Anfang des Jahres hat der Verband christlicher Pfadfinder*innen (VCP) eine Aufarbeitungsstudie veröffentlicht. Untersucht wurde in qualitativen Interviews mit Betroffenen und durch Auswertung von Akten, welche Spezifika und Dynamiken sexualisierte Gewalt im VCP seit der Gründung im Jahr 1973 bis in die Gegenwart hinein begünstigt haben: Machtasymmetrien, das Verständnis als Pfadfinder*innen-Familie sowie unklare Nähe-Beziehungen wurden dabei neben anderen Faktoren als gewaltbegünstigend herausgearbeitet. Gleichzeitig erschwere das Bild der idealen Pfadfinder*innen das Aufzeigen von Grenzen und Grenzverletzungen. Geforscht haben das Institut Dissens und das IPP München, die 2024 bereits eine unabhängige Untersuchung zum Bund der Pfadfinder*innen veröffentlicht haben.
Auch die Deutsche Pfadfinder*innenschaft Sankt Georg (DPSG) hat die Ergebnisse einer unabhängigen Aufarbeitungsstudie vorgestellt. Forschende der Philipps-Universität Marburg und der Justus-Liebig-Universität Gießen untersuchten hier neben Faktoren für sexualisierte Gewalt auch die Hintergründe spiritueller Gewalt. Sie fanden heraus, dass gerade in den Gemeinschaftsaktivitäten Gefährdungspotenziale lägen. Auch hier spiele die starke Ausrichtung auf Gemeinschaft sowie das Ausnutzen von Nähe und Machtpositionen eine Rolle. Gleichzeitig seien Traditionen, Ehrenkodexe und spirituelle Manipulation Teil der strukturell begünstigenden Faktoren der beiden Gewaltformen.
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Kein Geld für Ergänzendes Hilfssystem »Ein Desaster für Betroffene«
Entgegen der Vereinbarung im Koalitionsvertrag, den Fonds Sexueller Missbrauch (FSE) und das Ergänzende Hilfssystem (EHS) weiterzuführen, konnte sich die Bundesregierung nicht darauf einigen, für die beiden Unterstützungsangebote Mittel im Haushalt 2026 einzuplanen. FSE (familiärer Bereich) und EHS (institutioneller Bereich) haben seit Mai 2013 niedrigschwellig finanzielle Unterstützung für Betroffene sexualisierter Gewalt in Kindheit oder Jugend für Therapien, Hilfsmittel, Umschulungen und ähnliche Maßnahmen gewährt. Dabei galt eine Obergrenze von 10.000 Euro pro Antrag, bei Behinderungen von 15.000 Euro.
Bis Juni 2025 wurden aus beiden Unterstützungsangeboten rund 165,2 Millionen Euro an über 35.000 Antragsteller ausgezahlt. Bereits im Juni 2025 wurde aufgrund unerwartet hoher Antragszahlen und budgetärer Engpässe jedoch ein Antragsstopp rückwirkend zum 19. März 2025 verhängt. Die bereits bewilligten Auszahlungen laufen noch bis Ende 2028.
Die Unabhängige Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, Kerstin Claus, kommentierte: »Dass es nicht gelungen ist, den Fonds für das Haushaltsjahr 2026 finanziell abzusichern, ist für Betroffene ein Desaster.« Der Staat verweigere damit »Hilfe und Unterstützung genau dort, wo er am meisten versagt hat: beim Schutz der Kinder und Jugendlichen. Der Fonds hat Betroffenen späte Anerkennung und Perspektiven ermöglicht, wo staatliche Systeme aufgrund der hohen Hürden beim Nachweis der Tat und ihren Folgen nicht greifen. Er hat Leben wirklich verändert und muss als niedrigschwelliges Hilfesystem weiter erhalten bleiben.«
Claus erwartet nun, »dass der Bundeskanzler gemeinsam mit der zuständigen Ministerin Karin Prien umgehend Lösungsvorschläge vorlegt und damit die Zusage an die Betroffenen umsetzt«, die im Regierungsprogramm festgehalten ist.
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| Die Missbrauchsfälle am Berliner Gymnasium Canisius-Kolleg rückten 2010 Schulen als potenzielle Orte sexualisierter Gewalt ins öffentliche Bewusstsein. Foto: Fridolin Freudenfett/Wikimedia |
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Studie: sexualisierte Gewalt an Schüler*innenTatorte Schule, Lehrerwohnung und -auto
Die Unabhängige Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs hat in einer Studie 133 Berichte und Leitfadeninterviews von Betroffenen ausgewertet, die zwischen 1949 und 2010 sexualisierte Gewalt in der Schule erlebt haben. In vielen dieser Fälle wird deutlich, dass die Schülerinnen und Schüler weder durch Lehrkräfte oder anderes schulisches Personal geschützt wurden. Die Studie zeigt auf, wie die Aufarbeitung, Prävention und Intervention sexualisierter Gewalt an Schulen verbessert werden kann.
Weit über 90 Prozent der Tatpersonen der Fallstudie waren männlich. Die größte Tätergruppe in den analysierten Berichten war die der Lehrer. Lehrkräfte für Sport bildeten eine besondere Risikogruppe infolge des oft körpernahen Unterrichtens. Die Taten geschahen selten überfallartig. Sie wurden meist über einen längeren Zeitraum angebahnt. Die Täter und die wenigen Täterinnen nutzten Krisenzeiten im Leben Betroffener aus. Häufig gaben sie emotionale Nähe vor, wo professionelle Distanz notwendig gewesen wäre, um ihre eigenen Bedürfnisse an den Schutzbefohlenen zu befriedigen. Bei einem Viertel der untersuchten Taten ging es um Übergriffe unter Kindern und Jugendlichen. In vielen Fällen ging der sexualisierten Gewalt Mobbing voraus.
Neben dem Klassenzimmer, der Sport- und der Schwimmhalle, den Vorbereitungsräumen für den Fachunterricht und den Schultoiletten gehörten Räume rund um Klassenfahrten bzw. Schulausflüge ebenso wie Schulwege zum Tatort. Auch die Wohnung und das Auto der Lehrkraft waren Tatort, insbesondere wenn sexualisierte Gewalt als vermeintlich romantische Beziehung einer Lehrkraft mit älteren Schülerinnen und Schülern verübt wurde.
Lehrkräfte reagierten auf das Hilfegesuch mehrheitlich mit Verweigerung, oft mit Hilflosigkeit. Manche bemühten sich um Hilfe, nur wenige handelten zielgerichtet im Sinne der Schülerinnen und Schüler. Sehr häufig bestimmte die Sorge um den Ruf der Schule das Handeln der Lehrpersonen. Dabei kam der Schulleitung eine Schlüsselstellung zu. Sie war einerseits verpflichtet, schulintern intervenierend zu handeln. Andererseits fungierte sie als Kontaktstelle zur schulaufsichtsführenden Behörde mit deren dienst- und arbeitsrechtlichen Befugnissen.
Viele Betroffene suchten eine Vertrauensperson, fanden jedoch selten jemanden, der oder die zuhören und professionell handeln konnte. Stattdessen wurden sie in vielen Fällen der Lüge bezichtigt. Bei Jugendlichen waren es überwiegend Gleichaltrige, denen das Erlebte anvertraut wurde.
Knapp 70 Prozent der Betroffenen, deren Berichte für diese Fallstudie ausgewertet wurden, vermuten, dass andere Personen in der Schule von den sexuellen Übergriffen Kenntnis hatten. Im Kollegium, so berichten Betroffene und befragte Lehrkräfte, wussten viele von den Taten. Dennoch wurde verschleiert, vertuscht, geschwiegen oder die Institution Schule bewusst in Schutz genommen – was Intervention und Aufarbeitung sexualisierter Gewalt erschwerte.
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Betroffenennetzwerk BeNe mit privaten Foren
Das Betroffenennetzwerk (BeNe) hat bereits im Herbst eine wichtige und lang erwartete neue Funktion freigeschaltet. Nutzer*innen können sich nun nach der Registrierung auch in privaten Foren und Chats austauschen. BeNe ermöglicht seit 2024 den anonymen Austausch von Betroffenen in Online-Foren, die über ihre Erfahrungen, Bewältigungsstrategien oder Unterstützungsangebote sprechen möchten oder nach Informationen suchen. Mit den neuen Funktionen ist es jetzt möglich, in kleineren Gruppen zu diskutieren oder direkt miteinander in Kontakt zu treten – ohne dass Moderation oder andere Teilnehmende mitlesen.
Während die Foren vor allem der strukturierten Diskussion und Informationsaufbereitung dienen, ist der Chat für den spontanen und persönlichen, nicht einsehbaren Austausch gedacht.
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Haben Sie Fragen zum Aufarbeitungsprozess in den evangelischen Kirchen oder der Diakonie, suchen Sie Informationen? Wir freuen uns über Ihre Mail mit Anregungen, Anfragen und Kritik an praevention@ekd.de.
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Bis dahin, herzlich Ihr ForuM-Bulletin-Team
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Anna-Lena Franke, Frank Hofmann. Foto: Jens Schulze
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